Europäer wollen mehr Europa: Was das Eurobarometer gezeigt hat
Kriege an den Grenzen, Terrorismus, Klimakatastrophen, Cyberangriffe und Migrationskrisen – vor dem Hintergrund zunehmender Turbulenzen in der Welt empfinden die Bürger der Europäischen Union wachsende Besorgnis. Doch diese Sorge führt nicht zu einer Abkehr vom europäischen Projekt. Im Gegenteil – sie verstärkt die Forderung nach einer stärkeren, entschlosseneren und eigenständigeren Europäischen Union.
Dies sind die Ergebnisse der jüngsten Eurobarometer-Umfrage, die vom Europäischen Parlament durchgeführt wurde.
Die Welt macht mehr Angst als das eigene Leben
Mehr als die Hälfte der EU-Bürger (52 %) bewertet die Zukunft der Welt pessimistisch. Fast 40 % äußern Besorgnis über die Zukunft der EU selbst. In Zypern ist die Stimmung noch angespannter: 58 % blicken skeptisch auf die Zukunft des Planeten und 48 % auf die Perspektiven der EU.
Dabei bleiben paradoxerweise die persönlichen Erwartungen stabil positiv. Drei Viertel der Europäer – und fast ebenso viele Zyprioten – blicken optimistisch auf ihre eigene Zukunft und die Zukunft ihrer Familien.
Diese Kluft zwischen persönlichem Optimismus und globaler Sorge sagt eines aus: Die Menschen sind weniger von ihrem täglichen Leben enttäuscht als vielmehr besorgt über die Instabilität der Außenwelt und die Verwundbarkeit Europas angesichts dieser Herausforderungen.
Hauptangst: Sicherheit
Bewaffnete Konflikte an den EU-Grenzen beunruhigen 72 % der Europäer und 80 % der Zyprioten. Terrorismus – 67 % bzw. 77 %. Unkontrollierte Migration – 65 % in der EU und 86 % in Zypern.
Für Zypern, das an einem geopolitischen Scheideweg liegt, werden die Bedrohungen akuter wahrgenommen. Doch insgesamt ist die Struktur der Ängste in der gesamten Union gleich. Europa wird als ein Raum wahrgenommen, der geschützt werden muss – physisch, wirtschaftlich und informationell.
Eine gesonderte Sorge gilt dem digitalen Umfeld. Desinformation beunruhigt 69 % der EU-Bürger und 82 % der Zyprioten. Noch höher ist die Besorgnis über Fake-Inhalte, die durch künstliche Intelligenz erstellt wurden (68 % und 84 %). Bedenken rufen auch der Schutz personenbezogener Daten und die Meinungsfreiheit hervor.
Der digitale Raum ist zu einer neuen Sicherheitsfront geworden – und die Bürger erwarten zunehmend, dass die EU die Rolle des Regulierers und Schützers übernimmt.
Wirtschaft bleibt der Schmerzpunkt
Inflation und steigende Lebenshaltungskosten sind die wichtigste interne Priorität für 41 % der EU-Bürger und 34 % der Zyprioten. Fragen der Beschäftigung und Wirtschaft beschäftigen 35 % der Europäer und 43 % der Einwohner Zyperns.
Auf der Insel sind die Themen Gesundheitswesen und Migration mit jeweils 39 % besonders sensibel. Dabei prognostizieren fast ein Drittel der EU-Bürger und ein Drittel der Zyprioten eine Verschlechterung ihres Lebensstandards in den nächsten fünf Jahren.
Die wirtschaftliche Sorge verstärkt den allgemeinen Ruf nach einer aktiveren paneuropäischen Politik.
Europa muss stärker sein
Das aussagekräftigste Ergebnis der Umfrage ist die fast konsensuale Unterstützung der Idee der Einheit.
89 % der EU-Bürger sind der Meinung, dass globale Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden müssen. In Zypern sind es 95 %. 86 % der Europäer und 94 % der Zyprioten sprechen sich für eine Stärkung der Stimme der EU in der Welt aus. 73 % in der EU und 86 % in Zypern unterstützen die Aufstockung der europäischen Ressourcen. 66 % der Europäer und 90 % der Zyprioten wollen, dass die Union eine größere Rolle bei der Gewährleistung ihrer Sicherheit spielt.
Auch die Prioritäten verschieben sich. An erster Stelle stehen Verteidigung und Sicherheit. Danach folgen Wettbewerbsfähigkeit, Industrie und Energieunabhängigkeit. Europa wird allmählich nicht mehr ausschließlich als Markt, sondern immer häufiger als politisches Subjekt wahrgenommen.
Kritisch, aber nicht enttäuscht
Trotz des besorgniserregenden Hintergrunds bleibt die Einstellung zur EU überwiegend positiv. Fast die Hälfte der Unionsbürger bewertet sie positiv, und nur etwa 17 % negativ. In Zypern ist das Gleichgewicht ähnlich.
Dies ist keine Vertrauenskrise. Es ist eine Forderung nach Transformation.
Eine neue Phase des europäischen Projekts
Das Eurobarometer hält einen wichtigen Trend fest: Die Bürger Europas – und insbesondere der Randstaaten wie Zypern – erkennen immer häufiger, dass moderne Bedrohungen nicht effektiv allein im Rahmen von Nationalstaaten gelöst werden können.
Daraus ergibt sich die Forderung nach mehr Koordination, gemeinsamen Ressourcen, einer aktiveren Außenpolitik und einem realen Sicherheitssystem auf EU-Ebene.
Im Grunde geht es um die Erweiterung der Funktionen der Union in Bereichen, die traditionell mit Staatlichkeit assoziiert werden: Schutz, strategische Steuerung, internationaler Einfluss.
Und es stellt sich die berechtigte Frage: Wenn die Bürger Europas eine geeintere, stärkere und eigenständigere Union wollen – zeugt dies nicht von einer allmählichen Bewegung hin zu einer neuen Form der politischen Vereinigung?
Die Geschichte des europäischen Projekts geht weiter. Und nach der Stimmung der Bürger zu urteilen, wird ihre nächste Phase nicht mit einer Schwächung, sondern mit einer Stärkung Europas als Ganzes verbunden sein.
Autor: Valery Lyashenko (ehemaliger Diplomat)
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