Zypern an der Schwelle zur Gastransformation: vom Importeur zum Exporteur

Die Republik Zypern könnte in den kommenden Jahren ihre Rolle auf der Energiekarte der Region grundlegend ändern. Bis vor kurzem war das Land fast vollständig von Kraftstoffimporten abhängig, doch heute bereitet es sich darauf vor, die Förderung von eigenem Erdgas zu beginnen und den Export nach Europa aufzunehmen.
Doch wie realistisch sind diese Pläne? Und wird Zypern nicht nur am Gas verdienen, sondern auch die eigene Energiesicherheit gewährleisten können?
Energieabhängigkeit: die Verwundbarkeit der Insel
Heute gehört Zypern nach wie vor zu den am stärksten von Energieimporten abhängigen EU-Ländern. Elektrizität wird hier hauptsächlich aus Heizöl und Diesel gewonnen – teuren und umweltschädlichen Quellen.
Der Übergang zu Erdgas soll die Situation ändern. Schätzungen zufolge wird der jährliche Bedarf des Landes bei etwa 1 Milliarde Kubikmeter Gas liegen – ein nach weltweiten Maßstäben vergleichsweise geringes Volumen, aber von entscheidender Bedeutung für die Volkswirtschaft. Besondere Sorge bereitet die Instabilität der globalen Lieferungen. Die wichtigsten Energietransportwege führen durch schmale maritime Nadelöhre – wie die Straße von Hormus und die Bab-al-Mandab-Straße. Jegliche Konflikte in diesen Zonen können die Brennstofflieferungen drastisch unterbrechen.
Vor diesem Hintergrund ist die Entwicklung der eigenen Gasförderung für Zypern nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern eine Frage der nationalen Sicherheit.
Welche Gasfelder wurden in Zypern entdeckt?
In der ausschließlichen Wirtschaftszone der Republik Zypern wurden bereits vier kommerziell vielversprechende Felder entdeckt, die das hohe Potenzial des Inselfeldes bestätigen:
- „Aphrodite“;
- „Kronos“;
- „Glaucus“;
- „Pegasus“.
Eine besondere Rolle spielt Block 10, in dem die Unternehmen ExxonMobil und QatarEnergy Reserven von rund 7 Billionen Kubikfuß (etwa 200 Milliarden Kubikmeter) entdeckt haben. Insgesamt werden die Ressourcen Zyperns auf mehr als 300 Milliarden Kubikmeter Gas geschätzt. Selbst wenn nur die Hälfte gefördert wird, reicht dies für das Land für mehr als 100 Jahre Eigenverbrauch.
Wann fließt das erste Gas?
Das Projekt, das dem Start am nächsten ist, ist das Feld „Kronos“. Es wird erwartet, dass:
- die Förderung Ende 2027 – Anfang 2028 beginnt;
- das Gas über die Infrastruktur Ägyptens exportiert wird.
Danach werden weitere Anlagen in Betrieb gehen: „Aphrodite“ könnte bis 2031–2032 betriebsbereit sein, und die Projekte von Block 10 gegen 2033. Das bedeutet, dass Zypern bereits zu Beginn des nächsten Jahrzehnts nicht nur sich selbst versorgen, sondern auch stabil Rohstoffe exportieren kann.
Export steht an erster Stelle
Interessanterweise setzt die aktuelle Strategie Zyperns nicht auf den Inlandsmarkt, sondern auf den Export. Den Plänen zufolge sollen bis zu 80 % des geförderten Gases nach Europa geleitet werden. Dies ist verständlich: Die EU sucht aktiv nach Ersatz für traditionelle Lieferanten, und zyprisches Gas könnte Teil der Strategie zur Energiediversifizierung werden.
Für Zypern ist dies eine Chance, erhebliche Einnahmen zu erzielen und seine politische Bedeutung zu stärken. Es gibt jedoch auch ein Risiko: Die Priorisierung des Exports könnte die Entwicklung des heimischen Gasmarktes verlangsamen.
Wird Zypern vollständig auf Gasimporte verzichten können?
Zypern ist in der Lage, bis 2030–2032 vollständig auf Gasimporte zu verzichten, sofern alle entdeckten Felder in Betrieb genommen werden. Theoretisch ist dies recht schnell möglich: Bereits mit der Inbetriebnahme von „Kronos“ im Jahr 2028 kann das Land seinen Bedarf teilweise decken. Vieles hängt jedoch von politischen Entscheidungen ab – vor allem davon, welcher Anteil der Förderung im Land verbleibt.
Das Nadelöhr: Terminal in Vasilikos
Ein Schlüsselelement der gesamten Gasstrategie ist die Infrastruktur. Und hier hat Zypern ein Problem. Das LNG-Terminal-Projekt im Gebiet Vasilikos, das bereits 2018–2019 begonnen wurde, ist noch immer nicht abgeschlossen. Gründe waren politische Unstimmigkeiten in der Vergangenheit und Schiedsverfahren mit dem Bauunternehmer.
Dieses Terminal ist notwendig für:
- Gasimporte während der Übergangszeit;
- die Senkung der Strompreise.
Derzeit führen die Behörden auf der Insel Verhandlungen mit neuen Partnern, darunter Unternehmen aus den VAE. Wenn der Prozess beschleunigt werden kann, ist ein Start bereits 2027–2028 möglich.
Gas als Chance und Herausforderung
Zypern befindet sich heute in einer einzigartigen Situation. Einerseits gibt es beträchtliche Ressourcen und Interesse aus Europa. Andererseits gibt es Verzögerungen bei der Infrastruktur und eine komplexe Geopolitik. Die Hauptfrage ist, wie diese Ressource richtig genutzt werden kann. Experten sind sich einig: Es ist wichtig für Zypern, nicht die Fehler anderer Länder zu wiederholen, in denen der Export Einnahmen brachte, aber interne Probleme nicht löste.
Kurze Schlussfolgerungen:
- Zypern verfügt über Gasreserven von mehr als 300 Milliarden Kubikmetern, was den Bedarf des Landes für ein Jahrhundert deckt.
- Die erste industrielle Förderung im Feld „Kronos“ wird für 2027–2028 erwartet.
- 80 % der geförderten Ressourcen sollen in EU-Länder exportiert werden.
- Die Fertigstellung des Terminals in Vasilikos ist eine kritische Bedingung für die Energieunabhängigkeit Zyperns.
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