Cyprus, Nicosia

Neues Mural in der Altstadt von Nikosia: Schönheit ohne Illusionen und ein Dialog über Koexistenz

19.01.2026 / 15:11
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In der Altstadt von Nikosia wurde in der Trikoupi-Straße die Arbeit an einem großformatigen Street-Art-Mural von etwa 38 Metern Länge abgeschlossen. Das Projekt ist Teil eines Programms zur Erneuerung und zum „Neustart“ des historischen Stadtzentrums, das mit Unterstützung der Stadtverwaltung und des Tourismusamtes umgesetzt wird.

Die Trikoupi-Straße, die nördlich vom Ochi-Kreisverkehr verläuft und sich in der Nähe der Omeriye-Moschee befindet, galt lange als problematisch: dicht besiedeltes Migrantenviertel, Konflikte, Kriminalität und der Niedergang kleiner Geschäfte. In den Jahren 2024–2025 war die Straße fast ein Jahr lang wegen umfangreicher Bauarbeiten gesperrt, was die lokalen Unternehmer stark belastete.

Heute hat sich das Erscheinungsbild des Viertels deutlich verändert: Kopfsteinpflaster statt Asphalt, eingeschränkter Autoverkehr, einheitliche Beschilderung, Parkplätze außerhalb der Straße. Die Mauer des Parkplatzes wurde zur „Leinwand“ für das neue Mural.

Der Urheber des Werks ist der bekannte, aber anonyme Street-Art-Künstler Twenty Three, der oft als „zyprischer Banksy“ bezeichnet wird. Er ist für politisch aufgeladene Arbeiten bekannt und lässt sich vom Sozialrealismus inspirieren, unter anderem von Diego Rivera.

Nach Angaben des Künstlers versucht das Mural nicht, die Realität zu beschönigen. Vor Beginn der Arbeit führte er etwa 15 Interviews mit Anwohnern, um die innere Dynamik des Viertels zu verstehen.

„Das ist keine Schwarz-Weiß-Geschichte. Hier gibt es viele Schichten — wie bei einer Zwiebel. Die Menschen sind unterschiedlich, aber sie sind gezwungen, zusammenzuleben“, erklärt der Autor.

Das Mural zeigt Szenen aus dem Alltagsleben des Viertels und das Motiv des Zusammenlebens sowie eine ironische Anspielung auf den Künstler selbst: Ein städtischer Mitarbeiter übermalt seine charakteristische Figur — das Schaf Ludovico, das die Behörden zuvor mehrfach von den Stadtwänden entfernt hatten.

Trotz der visuellen Veränderungen geben die Bewohner zu, dass die Probleme geblieben sind. Konflikte, Drogen und kriminelle Vorfälle kommen weiterhin vor. Ein Anwohner berichtete, dass selbst eine Videoaufnahme eines Angriffs auf ein Geschäft mit Drohungen durch eine Stichwaffe keine Reaktion der Polizei auslöste.

Das Viertel bleibt kontrastreich: Neben neuen Studentenwohnheimen stehen Gebäude mit zweifelhaftem Ruf. Dennoch behauptet der Künstler nicht, dass Kunst soziale Probleme lösen könne.

„Ich glaube nicht, dass ein Mural alles reparieren kann. Aber wenn jemand lächelt, wenn er es sieht, ist das bereits ein Schritt zum Dialog“, sagt Twenty Three.

Seiner Ansicht nach liefert Kunst keine fertigen Lösungen, kann aber Raum für Koexistenz schaffen — und genau das fehlt der Altstadt von Nikosia derzeit am meisten.

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