Cyprus, Nicosia

Gaspipeline auf dem Papier: Experten bezweifeln die Realität des türkischen Projekts im östlichen Mittelmeer

02.05.2026 / 12:52
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Die Ankündigung der Türkei bezüglich einer geplanten Gaspipeline in den nördlichen Teil Zyperns entbehrt bisher einer realen technischen Grundlage. Zu diesem Schluss kamen die zyprischen Experten Giorgos Kentas und Paris Fokaides nach einer Analyse der jüngsten Äußerungen des türkischen Energieministers Alparslan Bayraktar.

Am 29. April erklärte der türkische Minister, dass Ankara „das Mittelmeer nicht verlassen“ habe und über das Staatsunternehmen Botas an einem Gaspipeline-Projekt arbeite, das künftige Felder über den nördlichen Teil Zyperns mit dem türkischen Energienetz verbinden soll. Die Erklärung erfolgte vor dem Hintergrund von Flügen türkischer F-16-Kampfjets über das nördliche Nikosia und Kyrenia.

Experten zufolge existiert das Projekt jedoch bisher nur auf der Ebene der politischen Rhetorik. Paris Fokaides weist darauf hin, dass in der öffentlichen Erklärung wichtige Parameter fehlen — Kosten, Kapazität, Route und Zeitplan für die Umsetzung. Dies deutet seiner Meinung nach eher auf ein politisches Signal als auf ein reales Infrastrukturprojekt hin.

Giorgos Kentas fügt hinzu, dass die Türkei seit vielen Jahren bestrebt ist, ihre Präsenz im östlichen Mittelmeer zu stärken, einschließlich der ausschließlichen Wirtschaftszone der Republik Zypern. Solche Initiativen hätten jedoch bisher nicht zu praktischen Ergebnissen geführt.

Gleichzeitig betonen die Experten, dass nicht alle Energieprojekte Ankaras deklarativ sind. So ist die Stromverbindung zwischen der Türkei und dem nördlichen Teil Zyperns bereits deutlich weiter fortgeschritten: Eine Entfernung von etwa 70 Kilometern macht die Kabelverlegung technisch machbar, und entsprechende Abkommen wurden bereits 2022 unterzeichnet. Dennoch bleibt die letztendliche Bedeutung des Projekts politisch — es betrifft die Frage der Integration der Insel in das europäische oder türkische Energiesystem.

Kentas merkt an, dass Energieinfrastruktur zunehmend zu einem Instrument der Geopolitik und Sicherheit wird. In diesem Zusammenhang wird auch das größere Projekt Great Sea Interconnector diskutiert — ein Unterseekabel, das Israel, Zypern und Griechenland verbinden und die Insel in das EU-Energienetz integrieren soll, obwohl dessen Umsetzung auf Verzögerungen stößt.

Die Äußerungen der Türkei erfolgten vor dem Hintergrund weltweit steigender Energiepreise: Brent-Öl hat sich seit Beginn der Eskalation des Konflikts mit dem Iran im Frühjahr um mehr als 60 % verteuert, und auch die Gaspreise in Europa steigen.

Die Experten sind sich einig: Auch wenn das Pipeline-Projekt bisher nicht in der Praxis existiert, signalisiert sein Erscheinen auf der politischen Agenda die wachsende Rolle der Energie für die regionale Sicherheit und den Interessenwettbewerb im östlichen Mittelmeer.

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